Festvortrag 2013 - Verein der Freunde und Förderer des Barbara Denkmals

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 Festvortrag
anläßlich der Barbarafeier 2013 im Hotel Mercure, Koblenz




Das Leben der Menschen in der Zeit um 1907
- die Jahre um die Entstehung des Barbara-Denkmals -

(von Anton Steer)


1. Veränderungen in Koblenz  in der wilhelminischen Epoche

Im kommenden Jahr  2014 jährt sich zum einhundertsten Male  der Ausbruch   des Ersten Weltkrieges. Sicherlich wird  zu dieser Gelegenheit über das ausge-hende 19. und das beginnende 20. Jahrhundert und zur Ursachenforschung dieser Katastrophe noch  sehr viel geschrieben und gesprochen werden. Schon jetzt hat es das neue Buch des Historikers Clark zu einem Bestseller gebracht. Heute aber beschränken wir uns  auf einen anderen Aspekt dieser Epoche. Wir wollen die Lebensbedingungen der Menschen,  die in der Zeit der Entstehung des Barbara-Denkmals lebten, genauer betrachten. Damit fragen wir in erster Linie, was auf diese Menschen um 1907 einwirkte, was sie erlebt, selber gestal-tet und geleistet haben.
Wir könnten uns zuerst einen Augenblick in unserem unmittelbaren Umfeld um-sehen und dabei fragen, ob in unserer Stadt aus jener  Epoche zwischen 1890 und 1910 steinerne Zeugen hinterlassen wurden.
Vermutlich wird jeder Koblenzer eine Reihe von Bauten auf Anhieb aus dieser Periode spontan benennen können. Deshalb weise ich  nur auf wenige besonders  augenfällige hin. An erster Stelle ist dabei der  ehemalige Festungsmauerring zu nennen, der damals zu einer wahren Prachtstrasse – dem Kaiser-Wilhelm-Ring, heutiger Friedrich-Ebert-Ring  umgebaut wurde. Ästhetisch ansprechende Häuser stehen dort teilweise noch heute. Auch in der Schenkendorfstraße sind noch schöne historische Häuser aus jener Zeit erhalten, und wir können uns auch noch am Regierungsgebäude, am alten Gerichtsgebäude oder am Bahnhof  erfreuen.  Es entstanden in dieser Zeit auch  wesentliche Teile der  Südstadt mit der St.Josefskirche. Vieles Weitere müsste man  noch erwähnen.
Diese Epoche war offenbar eine der stärksten Phasen in der Entwicklung der Stadt. Aber: Einfuß auf das Alltagsleben der einzelnen Menschen nehmen vor allen Dingen Politik und Gesellschaft.  Der politische Rahmen ist weitgehend bekannt, deshalb  betrachten wir nur diejenigen Teile näher, die auf das Befinden der Menschen unmittelbaren Einfluss ausübten.

2. Der politische Rahmen der  wilhelminischen Epoche –
   die Nationalstaats-Idee

Das Kaiserreich war eine Monarchie mit demokratischen Elementen.  Der Kai-ser kooperierte mit dem Parlament (Reichstag), der Reichstag aber war in allen wichtigen Fragen  auf die Zustimmung des Monarchen angewiesen. Auf der Grundlage dieser wechselseitigen Zuordnung  war ein gewisses Maß an Gewal-tenteilung gegeben Der Reichstag ging zwar aus allgemeinen und direkten Wah-len mit geheimer Abstimmung hervor,  aber das dominierende Preußen hatte noch das  bekannte Drei-Klassen-Wahlrecht, das die besitzenden Schichten bevorzugte. Die eigentliche Macht aber lag beim Bundesrat, den Delegierten der Landesfürsten. Die politische Mitbestimmung des Bürgers war im Prinzip zwar gegeben, hatte aber  klare und enge Grenzen.
Die Menschen im Lande  identifizierten sich dennoch mehr und mehr mit die-sem Staat.  
Wie zu Beginn des 20.Jahrhunderts Bedingungen für  das tägliche Leben  dieser  Menschen aussahen,  können wir relativ gut  nachvollziehen. Es gibt dazu eine umfangreiche Literatur. Die ersten Autos kreuzten sich in den Städten mit den alten Kutschen der Adeligen und mit den Straßenbahnen; es war  lebhafter Handel entstanden; es gab ein reges Geschäftsleben. Viele Menschen hatten Arbeit und Brot
Die jahrelang gepflegte These, dass  das kaiserliche Deutschland nur ein rück-wärtsgewandter, autoritärer, demokratieferner Obrigkeitsstaat war, hat sich aber durch eine Neubewertung in der geschichtlichen Forschung in der letzten Jahren erheblich relativiert . Bei näherer Betrachtung wird deutlich, wie stark das deut-sche öffentliche Leben gerade in  dem Zeitraum von 1890 bis 1914 von starken Veränderungen und Reformbestrebungen bestimmt war.  So gab es  zwar  noch große soziale Unterschiede in der Bevölkerung. Aber eine erstaunlich weit entwickelte  soziale Absicherung der Menschen war im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern in Deutschland nahezu vorbildlich durch Gesetze geregelt. Dennoch waren die Lebensbedingungen der einfacheren Menschen oder gar der ärmeren Schichten  nicht immer einfach, wie uns die Werke des Dichters Gerhard Hauptmann zeigen. Es gab immer noch soziale Not. Aus die-ser Lage entstand eine starke organisierte Arbeiterschaft, die ihrerseits ein sehr einflussreiches Programm formulierte, mit deutlicher Betonung des internatio-nalen Charakters.  Das Kampflied  „Die  Internationale" hatte für die Armen den attraktiven Refrain: „Völker hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!" Dies war eine Seite des alltägli-chen Lebens.

Eine andere Seite zeigt uns viele positive Entwicklungen: Unbestritten ist dabei, dass die künstlerisch-kulturellen, die wissenschaftlich technischen und die wirtschaftlich-industriellen Entwicklungen  in Deutschland voller Dynamik waren. Dies vermittelte ein gutes Selbstbewusstsein für die Bürger. Viele Men-schen waren stolz auf ihr Land.
Aussenpolitisch steuerte die deutsche Politik  zwar zunächst im Ganzen einen friedlichen Kurs mit defensivem Charakter. Aber im Zuge der weiteren Entwick-
lung griff allerdings die wilhelminische Reichsregierung im Laufe der Zeit ver-                                                                                                                                mehrt zu politischen Massnahmen, die wenig Rücksicht auf die Bedürfnisse der Nachbarstaaten  nahmen.  Diese politische Verhaltensweise brachte das deutsche Reich allmählich in eine zunehmende Isolierung. Da war der starke Einfluss von Großadmiral Tirpitz mit seiner offensiven Flottenpolitik, der im internationalen Bereich (vor allem in England) Irritationen hervorrief. Und der Deutsche Große Generalstab kritisierte seinerseits  die Flottenpolitik, weil er mit großer Sorge die Gefahr eines Zweifrontenkrieges sah. Der sogenannte Schlieffen-Plan gewann aber andererseits  in der politisch-militärischen Elite offensichtlich immer mehr an Gewicht.

Das Beispiel der  beiden Marokkokrisen zeigte, wie unglücklich  sich zudem die deutsche Regierung  anderen Nationen (hier vor allem Frankreich) in den Weg stellte mit der Folge, dass sie eine deutliche  diplomatische Niederlage erlitt.

Die  Bürger hatten aber schon verstanden, dass sich in Europa die Gewichte neu verteilt hatten. Sie mussten zur Kenntnis nehmen, dass gleichzeitig mit dem Erstarken Deutschlands eine Gegenreaktion der europäischen Mächte einsetzte. So waren  im Jahre 1907  die Bündnissysteme in Europa bereits strukturiert: Auf der einen Seite die drei  Bündnisse zwischen Frankreich und England (Entente-Cordiale), zwischen Frankreich und Russland und zwischen England und Rußland. Auf der anderen Seite der Dreibund zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und dem unsicheren Italien. Das Deutsche Reich war in seiner geostrategischen Lage damit tatsächlich isoliert und eingekreist. Gleich-
zeitig war es insbesondere wegen seiner innovativen und produktiven Wirtschaft von  den anderen europäischen Nationen (voran England) gefürchtet.
Das sah ein Teil der Bürger mit Sorge,  andere pochten großsprecherisch auf die Stärke des Reiches. Die Nachdenklichen begannen am Sinn des anmaßenden Auftretens  und generell an diesem  Kurs zu zweifeln. Andere, zunächst noch wenige, suchten Konfrontation und artikulierten diese Absicht  auch.

Welche geistigen Strömungen  herrschten im Reich vor,  welche Gefährdungen gab es?

3. Geistige Strömungen im wilhelminischen Reich: Nationalbewusstsein,  
   Imperialismus, Militarismus


3.1. Gefährdungen
In vielen Ländern Europas rückte in dieser Zeit zudem die Idee des National-staates in den Mittelpunkt des politischen Planens und Handelns. Tatsächlich  wurden Anfang des 20. Jahrhunderts die Begriffe Nation, Volk, Staat zu beson-ders hohen Werten.
Das gestärkte und manchmal  überzogene Nationalbewußtsein der Deutschen führte zu deutlichen Fehleinschätzungen über die strategischen Möglichkeiten des Reiches ( z.B.Problem des Zwei-Fronten-Krieges). Diese Fehleinschätzun-gen waren sowohl bei der Elite als auch im Bürgertum zu finden. Dabei hoffte  gleichzeitig die Mehrzahl der Bürger – trotz des Einkreisungsgefühles – nach wie vor  auf eine Fortsetzung der Friedensperiode. Ein Teil allerdings kompen-sierte die zur Kenntnis genommene Isolierung Deutschlands mit offensiven Überlegungen.  
Eine Kombination politischer und wirtschaftlicher  Kräfte ließ zusätzlich mehr und mehr auch  eine imperialistische Gundhaltung entstehen ( z.B.„unser Platz an der Sonne", und „wir wollen auch Kolonien haben" ). Dies verstärkte die Vorbehalte der anderen europäischen Nationen.
Die öffentliche Meinung in der Bevölkerung war – entsprechend dem jeweiligen Bildungsstand - im Laufe der Jahre mehr oder weniger stark gespalten: Sie reichte von kooperativem  Ausgleich in Europa (Berta von Suttner) bis hin zu  kriegerischen Vorstellungen („laßt uns Frankreich/ Rußland angreifen, bevor es uns angreift"). Die Situation war allmählich sehr kompliziert geworden und für den Durchschnittsbürger schier undurchschaubar.
Es entstand zudem ein stetig wachsender Militarismus. Er irritierte manchen ausländischen Beobachter, aber auch manchen Bürger. Allmählich scheint sich in den Bundesländern eine zwar unterschiedliche aber relativ breite militaristische Grundstimmung (z.B. sogar in den Schulen, oder auf Vereinsversammlun-gen) ausgebreitet zu haben. Dies führte teilweise zu kuriosen Bildern. Die Werke  „Der Untertan" von Heinrich Mann und „Der Hauptmann von Köpenick" von Carl Zuckmeier schildern diese absonderlichen Verhaltensweisen, die daraus entstanden.  Der Leutnant der Reserve, den viele Bürger anstrebten, sollte durch die Wirkung des militärischen Ranges die Bedeutung des Trägers in der Gesellschaft steigern. Dieser Leutnant der Reserve war die am häufigsten karikierte Symbolfigur für verschiedene Kuriositäten in der Gesellschaft. Dem ausländischen Beobachter mochten diese Erscheinungen zwar einerseits  nur als  bizarr und aufdringlich erschienen sein,  dieses Verhalten der Deutschen wurde jedoch auch andererseits mit wachsendem Misstrauen beobachtet.
Es war dann aber ausgerechnet der geniale Moltke der Ältere, der 90 Jahre alte, erfolgreiche Generalfedmarschall, der im Reichstag eine aufrüttelnde Rede für die Erhaltung des Friedens und für die Vermeidung des Krieges angesichts der fortentwickelten Waffentechnik und des dadurch gestiegenen Vernichtungspotentials hielt. Er wusste, wovon er sprach.

3.2. Eine Gesellschaft in Bewegung


I
n ihrer Grundorientierung war also  die deutsche Gesellschaft der späten Kai- serzeit zutiefst bürgerlich-konservativ geprägt.
Aber immer stärker zeigte sich bei einer Reihe von Bürgern eine Art innerer Zerrissenheit; die Bevölkerung wollte Gegensätzliches gleichzeitig: einerseits mehr Demokratie und andererseits die Erhaltung einer starken Monarchie,  einerseits ein Heraus aus dem Muff der unendlichen Regularien und der Büro-kratie, andererseits ein Beharren in den hergebrachten oft unglücklichen Formen, einerseits  einen „Platz an der Sonne" repräsentiert durch Kolonien und andererseits ein  weitgehendes  Entgegenkommen der europäischen Nachbarn.
Diese Gegensätze politisch aufzulösen war kaum möglich. Es gab aber auch kein Konzept der Regierenden geschweige denn eine erkennbare Vision, um die gesellschaftlichen Konflikte zu lösen. Ein  Teil der wachsenden Unzufriedenheit der Bürger lag an der Unvereinbarkeit dieser Gegensätze.
Alles war in Bewegung geraten, aber gleichzeitig in einem politischen Stillstand begriffen. Mancher Intellektuelle und viele Künstler nahmen in dieser Lage aber deutlich Stellung. Safranskis Wort, „wo alles in Bewegung ist, muß die Kunst Orientierung geben", half in dieser Lage wenig.
Insgesamt war nämlich die wilhelminische Epoche  im Bereich der Kunst in Deutschland besonders fruchtbar, aber in Teilen auch im Aufbruch und bürgerlich  provozierend bis verunsichernd. Neue Formen und ungewohnte Inhalte wurden entwickelt. Aus ihr entstanden beißende Kritik und Ironie über die herrschenden  althergebrachten und bürokratischen Zustände. Andererseits entstanden besonders in dieser Epoche  großartige, zeitlos gültige  Werke sowohl in der darstellenden Kunst als auch in der Literatur und Musik. (Stichworte: Impressionismus, Expressionismus, 'Blauer Reiter'; Beispiele für Namen: Franz Marc, Otto Dix, Max Beckmann, Gustav Mahler, Richard Strauß; vorherr-schend:  die Avantgarden).
Die Kunst trug augenscheinlich mehr zur Verunsicherung der Bürger bei als zur inneren Stabilisierung.

Auch die Geisteswissenschaften und die Medizin drängten nach vorne  (z.B. Sigmund Freud, Robert Koch).
Die Naturwissenschaften waren in dieser Epoche mit ihren Forschungsergebnissen in Deutschland besonders erfolgreich (viele Nobelpreisträger, von denen
ich lediglich zwei Namen in diesem Rahmen nennen will, weil sie einfach von weltweiter und epoche-gestaltender Bedeutung waren: Max Planck (1858-1947) präsentierte im Jahre 1900 seine „Quantentheorie" , und Albert Einstein (1879 – 1955) schuf mit seiner „Speziellen Relativitätstheorie" neue Grundlagen nicht nur für die Physik).
Darauf waren  die Bürger stolz. Deutschland galt etwas in der Welt., besonders in der  Wissenschaft und im wirtschaftlichen Bereich: es war ein starkes Land, geachtet und gefürchtet zugleich.

4. Die Entwicklung im Rheinland und besonders in Koblenz

Die Preußische Rheinprovinz war geprägt von einer Jahrtausende alten Ge-schichte und Kultur. Preußen musste sich damit  seit 1815  auseinandersetzen. Wie die Rheinländer sich selbst in dieser Zeit  beschrieben haben, zeugt von einem gesunden Selbstbeswusstsein. Ich zitiere aus dem Büchlein „Landeskunde der Rheinprovinz von 1907 (!) : „Durch ihre Lage, wirtschaftliche Bedeutung und Entwicklung ist die Rheinprovinz zu einer führenden Stellung unter den preußschen Provinzen gelangt. Mit den alten geschichtlichen Erinnerungen ver-bindet sich der Gewerbefleiß der neuesten Zeit und der freie Blick auf eine großzügige Entwicklung;  hier finden sich die  Hochburgen unserer deutschen Industrie... Dazu kommt, dass die Provinz ein Grenzland ist. Ihre Bewohner haben viel Gelegenheit, Fremdes zu sehen und an den eigenen Werten abzu-schätzen." So weit die Rheinländer über sich selbst.
Koblenz wurde zudem in seiner wichtigen Rolle als preußische Verwaltungs-, Garnisons- und Festungsstadt entscheidend gefördert.  
Die preußische Verwaltung  kam im übrigen Schritt für Schritt nach der Überwindung der anfänglichen gravierenden Spannungen der rheinischen Sinnesart  mehr und mehr entgegen.

Durch das starke Bevölkerungswachstum zählte man in Koblenz im Jahre 1910 bereits fast 52.000 Einwohner. Die Stadt modernisierte sich unübersehbar. Als Fremdenverkehrsstadt erhielt sie wachsende Bedeutung. Im Jahre 1911 registrierte man bereits 150.000 Übernachtungen!

Die soziale Situation aller  Bevölkerungsgruppen besserte sich immer mehr. Die Zahl der besonders Armen war  ständig im Rückgang begriffen. Im Zuge dieser Entwicklung mussten schließlich nur noch 400 bis 500 Einzelpersonen regelmäßig von der Stadt unterstützt werden.

In Koblenz wurden damals neue Maßstäbe im Versicherungswesen gesetzt: Die Gründung der DEBEKA erfolgte im Jahre 1905, nachdem schon Jahrzehnte davor die  Rheinische Provinzial-Feuersozietät und die  Ortskrankenkasse gegründet worden waren . Dies war auch dringend notwendig, denn die Angst vor Krankheiten auf Grund von Infektionen war bei der obwaltenden medizinischen Versorgungslage und der mangelnden Hygiene groß. Schließlich war Koblenz damals wenige Jahrzehnte zuvor von der Cholera heimgesucht worden. (siehe hierzu Dr. R. Kallenbach).
An der Lösung der damit verbundenen Fragen waren die Bürger meist mehr  interessiert als an der Reichspolitik. Im Jahre 1890 waren 60% der Bevölkerung nämlich immer noch nicht an eine reguläre Wasserversorgung angeschlossen.
Aber dann kam um die Jahrhundertwende eine wirkungsvolle Bewegung in die Lösung dieser Fragen. Als Beispiele nenne ich die zwei wichtigsten Bereiche:
In der Krankenhausversorgung wurden zum einen in kurzer Zeit deutliche Verbesserungen erzielt. Nach Überwindung der damaligen Pockenwelle  wurden dann schon im Jahre 1902 in den Koblenzer Krankenanstalten ca. 3500 Kranke erfolgreich behandelt.  Um die Jahrhundertwende wurden das Brüder-Kranken-haus und der Marienhof  fertiggestellt. Es folgte der Bau des Kemperhof-Wai-senhauses. Die Bürger empfanden diese  Maßnahmen  als Wohltaten.
Durch die in Angriff genommene Frischwasserversorgung zum anderen zeigten die Maßnahmen im  Hygienebereich und der Krankheitsvorsorge ihre deutliche Wirkung. Nach dem Bau der Kanalisation wurde besonders  im Jahre 1907 die Wasserversorgung deutlich verbessert. Das waren für die Menschen ganz erheb-liche Fortschritte.
Das soziale Gefüge war weitgehend bestimmt durch  die Berufstätigkeit der Koblenzer Bürger in den verschiedenen  Erwerbszweigen. Dieser Bereich  scheint in der Beamten- und Garnisonsstadt recht stabil gewesen zu sein. Es gibt im Jahre 1907  ca.5.900 Selbständige in der Stadt .Wir kennen auch die Zahlen der Erwerbstätigen in den einzelnen Wirtschaftszweigen.
Nahezu 14.000 Männer und ca. 5.000 Frauen waren als Angestellte oder als Ar-beiter tätig in den Bereichen: Gewerbe und Industrie, Handel und Versicherung,                                                                                                                                  Landwirtschaft,  Post und Eisenbahn , Verkehrswesen ,  Gastgewerbe,  Staat,  Kirche und Schule. Im Jahre 1912 verfügten in Koblenz immerhin 60% der Einwohner über ein Einkommen, das mit direkten Steuern belegt werden konnte.
Der starke wirtschaftliche Aufstieg im Reich hatte damit auch Koblenz erfasst
Besonders beachtenswert  waren die Schritt für Schritt gewonnenen Freiheiten  im wilhelminischen  Kaiserreich.
Diese Freiheiten führten zu einer enormen Politisierung der Gesellschaft, besonders auch in Koblenz. Die Presse, die Wahlen, die Parteien und die Verbände hatten Anteil an diesen politischen Aktivitäten
Hier entwickelte sich in dieser Zeit eine bis dahin nicht gekannte Pressevielfalt. Die „Coblenzer Volkszeitung", die „Coblenzer Zeitung,"  die „Coblenzer Tägli-chen Nachrichten", der „General Anzeiger", die"Mittelrheinische Zeitung" und der „Rhein-Mosel-Bote". Mit diesen 6 Zeitungen treffen wir hier offensichtlich auf eine wahre Informations- und Bildungsgesellschaft mit ausgewogenen Richtungen.(statistisch bekam jeder 3. Bürger eine Zeitung!).
Die Gesellschaft organisierte sich auch in Koblenz immer mehr. In großer Zahl und für verschiedenste Zwecke entstanden auch hier Vereine und Verbände. Im Jahre 1908 wurde auch den Frauen der Zugang und die Mitgliedschaft in politi-schen Parteien und zu den Verbänden erlaubt. .
Man muß leider aber auch darauf hinweisen, dass es seit 1879 eine antisemiti-sche Bewegung in Deutschland gab. Ein politischer Antisemitismus organisierte sich in Koblenz aber erst seit Mitte der 1880er Jahre.
Die  bisherigen Darlegungen zeigen, dass einerseits die überwiegende Mehrzahl der Bürger Deutschlands am Anfang des 20.Jahrhunderts eindeutig  friedens-orientiert war, die politische Elite des Landes andererseits  jedoch die Folgen ihres  Handelns teilweise falsch eingeschätzt hat.

5. Die friedensorientierten Menschen - Schlussbetrachtung

Zur  Beeinflussung vieler Menschen in der damaligen Situation - auch hier in Koblenz - zitiere ich Jürgen Herre (Zitat): "Die deutsche Großmannssucht im Kaiserreich war keine Erfindung der Karikaturisten. Nationaler Dünkel, vater-ländischer Kult und eine gewisse Verherrlichung alles Militärischen entwickelte sich in allen Schichten."

Die Lage war kompliziert geworden.
Im Ganzen aber waren die Koblenzer damals - nach allem was wir aus der Presse jener Tage wissen  zuerst auf ihre örtlichen Anliegen ausgerichtet. Sie wollten offenbar  weiter in Frieden leben, ihrer Arbeit nachgehen und in Fröhlichkeit ihren Wein genießen.  Sie bevorzugten das gedeihliche Auskommen mit ihren preußischen Landesherren. Die Geräusche jedoch, die von Berlin in zunehmen-dem Maße herüberkamen, liebten sie offensichtlich nicht so sehr. Die Fragen   der großen Weltpolitik beispielsweise waren in den örtlichen Zeitungen jener Tage nicht gerade als die wichtigsten Ereignisse geschildert worden.
Dies war jedoch grundlegend anders, als das Barbara-Denkmal eingeweiht wurde. Dieses Ereignis erhielt lange Zeit große Aufmerksamkeit. Die gesamte Diskussion über dessen Konzeption wurde in den Zeitungen breit dargestellt. Deshalb kennen wir die Konzeption so genau. Der Bau des Denkmals mit seiner Friedensbotschaft kam den Koblenzern damals  gerade recht.  Sie mochten - nach allem was wir wissen dieses Denkmal. Das bedeutet, sie haben seine Botschaft aufgenommen. Die Symbole sprechen  für alle Betrachter sichtbar eine eindeutige Sprache, nämlich: Erhaltet den Frieden!
 
Die Heilige Barbara  hält beispielsweise demonstrativ den Palmenzweig über die Figur des Friedens, mit der rechten Hand verschließt sie die Mündung des Kano-nenrohres.Die Figur des Krieges - Sinnbild für Standhaftigkeit und Einsatzbe-reitschaft - hält entspannt mit der Hand das Schwert an der Klinge , nicht am Griff. Die Figur des Friedens hält den Lorbeerkranz in der Hand. Der Frieden erhält damit den Vorrang. Dies war verbunden mit dem Entschluss, das Kunst-werk mit dem Gedenken an die Gefallenen der Einigungskriege zu verbinden.  

Dieses „Gegen-den-Strich-Bürsten" in einer Zeit, in der  die Eliten der europäischen Länder nur mühselig die schwierige Balance zur Friedenserhaltung aus-tarieren konnten,  war ermutigend.  
Nicht nur die Koblenzer, sondern auch die Mehrzahl der Bürger in ganz Deutschland bewahrten sich noch lange eine am Frieden orientierte Einstellung. Die Annahme, alle Deutschen seien vor beinahe einhundert Jahren vereint und voller Begeisterung einem möglichen Krieg entgegengezogen, ist zwischenzeit-lich weitgehend als Mythos entlarvt worden. Man weiß heute aber auch, dass insbesondere verschiedene Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler dem Groß-ereignis von 1914 mit Neugierde - sozusagen ein reinigendes Gewitter erwartend - entgegen gesehen haben.  Aber warum dann  letztlich  im Jahr 1914 den politisch Handelnden  die Kontrolle  verloren ging und alles aus der Hand glitt und die Einstellung  dann vieler Menschen in eine merkwürdige Kriegsbegeisterung  umschlug, wird wohl eines der großen Rätsel der Geschichte bleiben.

Für mich lautet die Lehre aus den Geschehnissen jener Zeit:

Frieden ist nicht nur ein Zustand sondern ein moralisch hoher Wert.

Friedrich Nietzche sagt dazu in seinem Ecce Homo: "Die Frage der Herkunft der moralischen Werte ist für mich eine Frage ersten Ranges weil sie die Zukunft der Menschheit bedingt."



 
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